Was ist ein anständiger Job? – TEIL II

Die erste Zeit fühlte ich mich wie im Paradies. Ich bekam die Kosmetikprodukte zu geschenkten Preisen und ich hortete mich zu, sodass ich jeden meiner Freundinnen hätte lebenslänglich damit versorgen können. Bis dahin war es auch ein Traum. Aber dann kam für mich die Kehrseite. Die tägliche Anreise zu der Arbeit nahm mir viel Zeit und Nerven.  Ich muss ein ziemlich ungeduldiger Mensch sein, denn ich hatte das Gefühl es kostete mich täglich wertvolle Lebenszeit. Außerdem konnte ich in der Firma für mich keine großen Aufstiegsmöglichkeiten erkennen. Ich merkte, dass ich meine Arbeitsenergie einsparte und mein Kopf sich weigerte außerhalb meiner Verantwortungsgrenzen zu denken, “denn dafür wird man ja nicht bezahlt”. Während ich dort tagtäglich am Schreibtisch saß und meine To-Do Listen abarbeitete, merkte ich, dass ich begann meine Arbeit an Zeit anstatt an Effizienz zu messen. Das hat mich auch immer schon im Studium gestört. Die meisten Studenten neigten dazu einen erfolgreichen Lern-Tag an der Aufenthaltsdauer in der Bibliothek zu messen. Dabei sind 4 konsequent durchgezogene Lernstunden  viel effizienter, als 10 Stunden Zeit absitzen mit vielen Kaffe-, Raucher- und Facebookpäuschen.

Ich bin schon immer Fan des Konzeptes, dass man Arbeit an Aufgaben und nicht an  Zeit misst. (Aber mir ist auch bewusst, dass man dies nicht in allen Berufsbereichen einsetzten kann.) Tatsächlich gibt es schon viele große moderne Firmen, die ihren Mitarbeitern Aufgaben geben und wenn diese gut erledigt sind, kann man zufrieden nach Hause gehen. Die Zeitmessung sorgt dafür, dass man Aufgaben gerne unnötig in die Länge zieht, denn wenn man zu schnell fertig ist, folgt schon die nächste Aufgabe.

Ein weiteres kleines Manko bei diesem Praktikum, was in einer Kosmetikfirma aber sicher zu erwarten war, war das Verhältnis von Frauen und Männern. In den Bürobereichen, waren die Frauen deutlich den Männern überlegen, während man die Männer trotzdem eher in den leitenden Positionen vorgefunden hat. Allein das hat mich ziemlich stutzig gemacht. „War es schwer, sich als Frau hier hochzuarbeiten, während bevorzugt Männer in die leitenden Positionen gesprungen sind?“. Ich komme immer gut mit einem ausgewogenen Verhältnis von Frauen und Männern klar, aber wenn viele Frauen an meinem Arbeitsplatz um mich herum sind, falle ich in eine Art Sicherheitsstarre – als würde ich versuchen unsichtbar zu sein. Ich hatte bereits mal drei Jahre bei New Yorker gearbeitet. Auch hier gab es überhaupt keine Männer und ich bin mit meiner „Ich-halt-mich-aus-allem-raus“- Strategie ziemlich gut gefahren. Am Ende haben sich die Mädels bei New Yorker alle gegenseitig rausgeekelt und ich.. ich war halt einfach da. Niemand hasste mich, aber ich war auch nie vertraut mit den Menschen um mich herum. Ähnlich verhielt ich mich nun hier im Kosmetikunternehmen und es ärgerte mich selbst, dass ich als eine normalerweise ziemlich offene Person, wieder super schüchtern wurde.

Mit den Wochen und Monaten in diesem Praktikum wurde ich immer unglücklicher. Ich hatte das Gefühl, ich lebte um zu arbeiten. Obwohl ich nach der Arbeit Zeit gehabt hätte, fühlte ich mich psychisch so ausgelaugt, dass ich es nur noch schaffte ein Brot zu essen und mich ins Bett zu legen.

Doch was war es genau was mich so frustrierte? Eigentlich tat ich doch meine Lieblingstätigkeit (Marketing) in einem unglaublich beeindruckenden Unternehmen! Eigentlich musste diese Arbeit doch perfekt für mich sein! Doch warum hasste ich diese Arbeit so?

Heute kann ich sagen, mir fehlte das Gefühl frei zu sein. Frei zu entscheiden, wann ich zur Arbeit gehe und wann ich nach Hause gehe und welche Aufgaben ich als nächstes bearbeite. Pausen zu machen ohne mich zu rechtfertigen und stattdessen den Abend oder das Wochenende zu opfern. Es fehlte mir an Flexibilität, an guten Aufstiegschancen und an geistiger und kreativer Forderung. Ich brauche es, wenn ich fleißig war belohnt zu werden und die Quittung zu bekommen, wenn ich zu wenig arbeite. Ich wollte kreativ sein und über meine Grenzen hinausdenken, Dinge neu probieren oder neue Dinge probieren. Und hier war nicht der richtige Platz für mich.. jedenfalls nicht genug Platz für mich und meinen Traum.

Ich lernte den Gründer dieses Kosmetikunternehmens kennen und seine Geschichte faszinierte mich. Es faszinierte mich, da er eigentlich ein ganz normaler Mann war – nur mit einer großen Prise Mut und ein gutes stück Überzeugung der eigenen Fähigkeiten. Und zum ersten Mal traute ich mich diese Gedanken zu zulassen:

„Warum hat es dieser Mann geschafft, so ein Imperium aus dem Boden zu stampfen? Wieso hat er es geschafft und warum sollte ich es nicht schaffen meine Träume zu verwirklichen?“

Dieser Mann bezeichnete sich selbst als einen Problemlöser. Er erkannte als junger Mann sein Problem: Er brauchte einen Job und er wollte etwas Eigenes machen. Er fand eine Lösung und setzte sie um. Er sprach weiter davon, dass viele Frauen dazu neigen, sich über Dinge aufzuregen, die sie eigentlich nicht ändern wollten. Viele Männer dagegen, behauptete er, versuchen Lösungen für ihr Problem zu finden. Während er da so saß und das erzählte, fühlte ich mich selbst von der Aussage etwas angegriffen. „Also weil ich eine Frau bin, ärgere ich mich über Dinge, die ich eigentlich gar nicht ändern will? So ein Quatsch! Frauen können auch Problemlöser sein! Und ich werde einer sein“ Ich wusste zwar noch nicht, was die perfekte Arbeit für mich war, aber ich wusste schon mal, dass es dieser Job nicht war. Und das kann verdammt viel Wert sein.

Letztendlich habe ich für mich aus diesen Erfahrungen meinen Weg in die Selbstständigkeit gefunden. Je mehr Jobs ich angetreten habe, die mir nicht gefallen haben, desto mehr bekam ich einen Antrieb und neue Ideen auf der Suche nach der besten Job für mich. Für alle die da draußen sitzen und unzufrieden mit ihrer Arbeit sind, ihr dürft es euch ruhig eingestehen und zulassen, doch ihr solltet auch bereit sein an dieser Situation etwas zu ändern.

Wisst ihr was das Tolle an unserer heutigen Zeit ist? Wir können unsere Arbeit für uns frei wählen. Und wisst ihr was das Gute an unserem technischen Zeitalter ist? Es ist wesentlich einfacher mit seiner Leidenschaft Geld zu verdienen. Die Vielfalt an Jobs ist riesengroß. Vielleicht gibt es die Bezeichnung für euren zukünftigen Job auch noch gar nicht. Aber wie wir gelernt haben, was sind schon Bezeichnungen. Mir selbst fällt es schwer meine aktuellen Tätigkeiten, mit denen ich mein Geld verdiene, eine gute Bezeichnung zu geben. Aber was zählt es, wenn ich zufrieden damit bin.

Ich denke, dass es nicht unbedingt den einen Job für uns gibt. Ich denke wir alle sind viel vielfältiger und können in vielen Dingen unsere Passion finden. Ich weiß auch, dass wir alle unterschiedliche Anforderungen an die Arbeit haben. Manch einer hätte sich mit Sicherheit im Steuerbüro pudelwohl gefühlt und für viele wäre es sicher ein Traum in der Kosmetikfirma zu arbeiten.. und das ist auch richtig so. Wichtig ist nur, dass ihr für euch rausfindet, ob es auch euer Traum ist und nicht der von Anderen. Ich werde euch nicht sagen können, was der perfekte Job für euch ist. Aber Ich kann versuchen, euch Tipps zu geben, wie Ihr für euch langsam rausfindet was ihr wirklich wollt..

Teil 3 folgt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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8 Kommentare

  • Bewundere so deinen Mut, den ich nicht habe..
    Ich bin 21 Jahre alt und wohne momentan noch zu Hause, weil mein Freund noch in der Ausbildung ist.
    Ich habe keine eigene Wohnung, weder zur Miete noch ein Eigentum wie Haus etc.
    Das einzige was ich vorweißen kann ist ein Auto. Ich stell mir meine Zukunft relativ klassisch vor, Haus, Garten, 2 Kinder, d. h. ich traue mich irgendwie kein finanzielles Risiko einzugehen, da ich schon versuche mir für meine Zukunft Geld auf die Seite zu sparen.
    Momentan bin ich einem soliden Büro Job. Es ist okay, es nicht so dass ich mich jeden Tag zur Arbeit quälen muss, aber die volle Erfüllung? – Definitiv nicht.

    Meine absolute Leidenschaft ist eindeutig Mode. Anders wie bei dir, bei der ja der Online Shop ein absoluter Traum ist, wäre es bei mir ein eigener Modeblog, mit dem ich Geld verdienen kann. Allerdings würde mir alles in Richtung Mode, Beauty geht gefallen, weil es einfach das ist was ich liebe!

    So eine Geschichte, wie du sie hier schreibst, finde ich einfach unglaublich faszinierend und bewundernswert. Es ist auch gut, wenn dieser Mut mit Erfolg belohnt wird – das hast du verdient ♥
    Ich allerdings bin, glaube ich, einfach zu sehr Angsthase.. 🙁

    • Liebe Anika, danke für deine Geschichte! Also erstmal bist du erst 21 und ich 25. Mit 21 war ich definitv auch nicht so mutig wie ich es heute bin. Und dann kann ich dich absolut verstehen! Und ich möchte auch nicht dazu ermutigen naiv zu sein und alles was man besitzt auf Risiko zu setzen um im schlimmsten Falle am Ende mit dem Ergebnis nicht glücklich zu sein. Du machst das schon alles ganz richtig so. Ich bin immer dafür, dass man sich sein zweites Standbein erstmal nebnbei aufbaut und nicht gleich seinen alten Job sofort aufgeben muss. (Es sei denn, man hasst diesen Job über alles) Du kannst doch deinen Modeblog einfach mal anfangen und den Geldgedanken erstmal im Hintergrund lassen. Schreibe und poste auf deinem Blog was dir Spaß macht und sehe es als dein Hobby und deine Leidenschaft. Dabei steht ja dein Bürojob keinesfalls im Weg. Und wenn du erstmal in der Situtaion bist, dass du Geld mit deinem Hobby verdienst, dann kannst du immernoch überlegen, ob du deinen Bürojob weitermachen willst. Häufig verändern sich Träume auch noch, wenn man den Weg erstmal geht. Also hab keine Angst, du hast in diesem Falle nichts zu verlieren! :*

  • Wow! Ein wirklich sehr inspirierender Artikel. Du schaffst es durch deine ehrliche und sympathische Art, anderen Menschen Mut zu machen. Man kann wirklich nicht anders als dir weiterhin alles Gute bei der Verwirklichung deiner Träume zu wünschen und sich über jeden bisherigen Schritt für dich zu freuen. Außerdem reflektiert man den eigenen Werdegang und überprüft die eigenen Ziele und Wege zur Erreichung dieser Ziele. Vielen Dank dafür!

  • Liebe Luana,

    Du schreibst so faszinierend und inspirierend, ich bin einfach nur beeindruckt und danke dir, dass du deine Gedanken mit uns teilst. Ist es dein Online-Shop, mit dem du hauptsächlich Geld verdienst und den du als dein Job bezeichnest (wenn ja, war mir das nie so bewusst und finde ich toll!) oder würdest du mehrere Tätigkeiten zusammenfassen, die du als deine Beschäftigung und deine Selbstständigkeit siehst?

    Alles Liebe
    Jana xx

    • Liebe Jana,

      es freut mich total, dass dir meine Texte so gefallen! Zu dem Zeitpunkt, als ich den Text geschrieben habe, war tatsächlich der Onlineshop in meinem Fokus. Aktuell hat es sich bei mir etwas geändert insofern, dass ich mit ein paar Kollegen eine Social Media Agentur gegründet habe. Der Onlineshop hat im Verhältnis sehr viel Zeit und Energie gefressen und wurde daher erstmal hinten angestellt. Das heißt er wird in Zukunft vermutlich nochmal aktiver werden, aber erst wenn die Ressourcen dazu im Hintergrund besser aufgestellt sind. Ich muss sagen, ich persönlich glaub nicht, dass wir nur einen Traumjob haben. Ich glaube, dass jeder von uns verschiedene Traumjobs hat und sich diese auch immer wieder verändern aufgrund unserer eigenen Entwicklung. Da ich jetzt in unserer Agentur sehr schnelle und große Entwicklungen sehe, bin ich super happy mit dem aktuellen Stand. Meine Selbstständigkeit setzt sich aber tatsächlich aus vielen Bausteinen zusammen. Neben meinen verschiedenen Projekten verdiene ich auch Geld mit meinen eigenen Social Media Kanälen. Ich hoffe ich habe etwas Licht ins Dunkle gebracht 🙂

      Liebe Grüße,
      Luana

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